„Ich kenne Max durch seine universitären Leistungen und seine journalistischen Beiträge“ – Gespräch mit Galip Yalman

Galip Yalman war bis Oktober 2017 Professor für Politikwissenschaften an der Middle Eastern Technical University in Ankara. Svenja Huck sprach mit ihm über seinen ehemaligen Studenten Max Zirngast, der seit dem 11. September in Ankara inhaftiert ist. Wir veröffentlichen das Interview in Absprache mit der Autorin.

Wie haben Sie Max Zirngast kennengelernt?

Ich habe Max vor drei Jahren als Student an der ODTÜ in Ankara kennengelernt. Er besuchte dort meinen Kurs zu Staatstheorien. Max fiel mir auf durch sein großes politisches Interesse und seine Beiträge im Kurs. Türkische Studierende sind eher zurückhaltend, manche sagen nie etwas. In erstaunlich kurzer Zeit hat er fließend türkisch gelernt und sogar Veranstaltungen des Studierendenkollektivs für Politologie moderiert. Ich erinnere mich noch daran, wie Max und seine Kommilitonen mich zum Abschied an meinem letzten Arbeitstag mit einem Kuchen überrascht haben. So etwas ist man von ausländischen Studierenden nicht gewohnt, das möchte ich betonen. Max ist ein sehr herzlicher und freundlicher Mensch.

Wie haben Sie dann von seiner Verhaftung erfahren?

Ich habe es im Internet gesehen, während ich in Kroatien war. Zurück in Ankara habe ich mich an der Uni dafür eingesetzt, dass er trotz des Prozesses weiterhin immatrikuliert bleibt. Ich sehe großes akademisches Potential bei ihm. Dass er seiner Freiheit beraubt wurde, hat mich sehr erschüttert.

Obwohl es noch keine offizielle Anklageschrift gibt, geht Zirngasts Anwalt davon aus, dass ihm Terrorpropaganda vorgeworfen wird. Was denken Sie darüber?

Ich habe mein erstes Studiensemester 1968 in Ankara inmitten der Studierendenproteste begonnen. Für meine Generation sind das bekannte Vorwürfe. Uns hat man damals mit „Propaganda für Kommunismus“ beschuldigt. Dass der Terrorvorwurf heute in der Türkei so inflationär benutzt wird, ist auch eine politische Strategie. Für wen kein Terrorvorwurf konstruiert werden kann, der wird eben der Präsidentenbeleidigung beschuldigt. Dem sind auch hochrangige Oppositionspolitiker ausgesetzt, aber es ist ein anderes Gefühl, wenn es jemanden trifft, den man persönlich kennt. Dann merkt man, wie wehrlos man eigentlich ist. Hunderte von Menschen werden dadurch um ihre Freiheit beraubt.

Im Falle des Journalisten Deniz Yücel wurde von „Geiselpolitik“ gesprochen. Kann man ähnliches für den Fall von Max Zirngast sagen?

Ja der Begriff Geiselpolitik wurde in mehreren Fällen vor allem in westlichen Medien verwendet. Von türkischer Seite wurde das zwar immer abgestritten, aber die Realität deutet schon auf eine solche Taktik hin. Dennoch bin ich nicht sicher, ob der Begriff immer sinnvoll ist. Österreich ist bekanntermaßen ein großer Kritiker der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Nun hält sich die österreichische Regierung zurück mit ihrem Einsatz für Max. Bei Deniz Yücel war das anders. Leider bekommt der Fall von Max außerhalb seines Bekanntenkreises in der Türkei nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit. Das liegt vielleicht daran, dass gleichzeitig so viele türkische Menschen auch verhaftet sind.

Wie würden Sie seine Verhaftung politisch einordnen?

Ich kenne Max durch seine universitären Leistungen und seine journalistischen Beiträge, die er zum Beispiel für das Jacobin Magazin oft auch in Ko-Autorenschaft publiziert hat. Keiner dieser Beiträge wurde verboten, alles ist noch zugänglich. Ob er nun dafür verhaftet wurde, wissen wir nicht, denn es liegt ja nicht mal eine Anklageschrift vor. Und man weiß auch nicht, wann das der Fall sein wird. Theoretisch gibt es Vorschriften dafür, so wie es auch Vorschriften gibt, wie lange jemand in Untersuchungshaft gehalten werden kann. Doch in der Praxis kann sich niemand darauf verlassen und ich kenne viele türkische Staatsangehörige, die im Ausland leben und nicht mehr einreisen, weil sie nicht wissen, welche Willkür sie treffen könnte.

Es gibt eine Kampagne, die dazu aufruft, Briefe an Max Zirngast zu schreiben. Was würden Sie ihm schreiben?

Ein Brief an ihn ist eines der ersten Dinge, die ich mir vorgenommen habe, wenn ich zurück bin in Ankara. Ich möchte ihm sagen, dass ich ihn bald wieder bei uns sehen möchte, ihm seine Freiheit zurück wünsche und wir mit den Studierenden gemeinsam planen müssen, wie wir mehr Aufmerksamkeit für seinen Fall schaffen können. So wie für alle anderen Inhaftierten eben auch.

Das Interview hat Svenja Huck für die Tageszeitung Neues Deutschland geführt. Es erschien am 14.11. unter dem Titel “Wehrlos gegen die Willkür des türkischen Staates”.

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